PAPERAZZO-BLOG


von Stefan Breitenfeld

06.05.2022

VDMA, Circular Economy, Umweltverschmutzung

„Ginge es nur nach uns, wären wir weiter“

Thomas Huhn leitet als Geschäftsführer (CSO) die Division Papier der TKM Group. In der Interviewreihe „Circular Competence“ des VDMA erklärt er, wie der bergische Messerspezialist Kreislaufprozesse etabliert und dabei auf Entwicklungspartner setzt.

Nutzen Sie in Ihrer eigenen Produktion Kreislauf- und Müllvermeidungskonzepte?

Natürlich. Produktionsabfälle werden bei uns sortenrein getrennt und gehen soweit irgend möglich als Wertstoffe ins Recycling. Eine spezifische Herausforderung ist der Schleifschlamm, von dem in unserer Industriemesserproduktion rund 1.300 Tonnen pro Jahr anfallen. Teils ist von Rohlingen nur noch das halbe Gewicht übrig, wenn sie scharf geschliffen unsere Werke verlassen. Der Schleifschlamm enthält daher neben Schleifpartikeln und Kühlschmiermitteln hohe Anteile an metallischem Pulver. Noch ist das kostenintensiver Sondermüll. Wir haben mit einem Maschinenbauer und Forschern der Bergischen Universität Wuppertal ein Projekt aufgesetzt, um die Metallanteile im Schlamm zu separieren und Verwertungsoptionen dafür zu finden. Die recycelten Metallpulver sind heterogen, lassen sich aber zu Anteilen von rund 30 Prozent in Fertigungsprozesse einspeisen. Prinzipiell erscheint das lohnenswert, zumal die Entsorgung der Schlämme immer teurer wird und die Primärrohstoffpreise steigen. Noch ist das ein Forschungsthema. Aber es zeigt: Wir suchen auf vielen Ebenen praktikable Lösungen.

Welche Lösungen für die Circular Economy bieten Sie Ihren Kunden an?

In einem gemeinschaftlichen Projekt mit der Bergischen Universität Wuppertal, einem Spezialbetrieb für Wasserstrahlschneiden und dem Solinger Messerhersteller Güde werden Kreismesser aus unserem Hause nach ihrem Einsatz in der Papierindustrie zu hochwertigen Haushaltsmessern verarbeitet, die als Bergische „Zirkelmesser“ vertrieben werden. Unsere Rundmesser sind aus hochwertigen Stahllegierungen, deren Weiternutzung wir ausweiten und forcieren möchten. Das Messerprojekt zeigt, was möglich ist. Aber wir suchen neue, energetisch noch sinnvollere Wege, um den Messerstahl im Kreislauf zu führen. Wir prüfen, welchen logistischen Aufwand es bedeutet, abgenutzte Klingen von Hygienepapierherstellern abzuholen. Wir haben eigens dafür eine sichere Verpackung designt. Zudem sind wir in Gesprächen mit Materialherstellern, ob es nicht möglich ist, die sortenrein eingesammelten Messer einzuschmelzen und daraus neue Rohlinge zu fertigen. Das wäre ein tatsächlich geschlossener Materialkreislauf.

Woran hängt es?

Die Gespräche drehen sich darum, ab welcher Stückzahl es sich lohnt, zumal aktuell auch die Logistikkosten explodieren. Es wird nur funktionieren, wenn wir alle Optimierungspotenziale in der Logistik ausreizen – und wenn unsere Kundschaft mitzieht. Sie müssten die Messer bis zur Abholung zwischenlagern. Leider sind wir in der Vergangenheit oft auf wenig Resonanz gestoßen, wenn es um Ressourceneffizienz ging. Unter anderem hatten wir vor gut 15 Jahren auf der drupa ein Klingenwechselsystem für Langmesser vorgestellt: Statt 20 kg schwere, fast zwei Meter lange Messer als Ganzes zu tauschen – mit allen logistischen Nachteilen – hatten wir ein System mit individualisierbaren Adaptern entwickelt, mit denen nur der scharfe, drei bis fünf Millimeter breite Teil der Klinge ausgetauscht wurde. Für OEMs eigentlich perfekt, um ein After-Sales-Geschäft zu etablieren. Doch die Idee kam wohl zu früh. Circular Economy war noch kein Buzzword. Ginge es nur nach uns, wären wir mit Stoffkreisläufen weiter. Wir haben dazu viele Ideen. Von einem engagierten Kunden bekommen wir große Rundmesser nach deren Nutzung zurück. Wir bereiten sie zu Rundmessern mit kleinerem Durchmesser auf – ohne jede Qualitätseinbuße. Auch forschen wir daran, seltener getauschte Messer mit neuartigen Verfahren aufzubereiten und neu einzuschleifen. Das ist im Frühstadium, darum möchte ich nicht ins Detail gehen. Aber das Thema brennt uns unter den Nägeln. Gerade bei Rundmessern für Hygienepapiere liegt die Nutzungsdauer zwischen drei und 20 Tagen, weil sie in der Maschine ständig nachgeschliffen werden. Bei diesem Durchsatz drängt es sich auf, echte Materialkreisläufe zu etablieren zumal auch die Stahlpreise steigen.

Wie wirkt sich das Thema auf Ihre Forschung und Entwicklung und auf Kooperationen mit Ihren Kunden und deren Materiallieferanten aus?

Es ist schon mehrfach angeklungen. Wir schmieden gerade viele Gemeinschaftsprojekte mit Hochschulen, Materiallieferanten, Maschinenbauern sowie Kunden aus der Papierindustrie, um Innovationen voranzutreiben. Es ist – wie wir lernen mussten – entscheidend, vor solchen Innovationen von Anfang an alle Perspektiven kennenzulernen. Vor allem die Kunden als die eigentlichen Nutzer müssen frühzeitig erfahren, welche Vorteile ihnen eine Neuerung bringt.

Steigt die Nachfrage nach Ihrer Circular Competence weltweit – oder ist das eher ein regional begrenztes Phänomen?

Im Messerbereich ist das Bewusstsein regional noch sehr unterschiedlich ausgeprägt. In den USA und Asien spielt Circular Economy noch eine untergeordnete Rolle. Stärkere Nachfrage nach solchen Lösungen sehen wir in Skandinavien und zuletzt zunehmend aus Westeuropa. Wir formulieren in Deutschland hohe Zielsetzungen und sind dadurch immer wieder in der Vorreiterrolle. Ich hoffe, dass wir das im Fall der Circular Economy zu unserem Vorteil nutzen können, wenn die Nachfrage nach Lösungen weltweit anzieht.

Umweltschutz ist oft regulatorisch getrieben. Sind die Rahmen-bedingungen für den Einstieg in die Circular Economy richtig gesetzt?

Die EU und auch nationale Gesetzgeber tendieren dazu, jeglichen Prozess durch ausufernde Dokumentationspflichten bis auf das letzte i-Pünktchen nachvollziehbar machen zu wollen. Das bindet Kräfte, die in technologieoffener geförderter Forschung besser eingesetzt wären. Es ist zugegeben schwierig, eine Circular Economy über alle erdenklichen Branchen hinweg durch zentralisierte politische Regulierung anschieben zu wollen. Statt von oben nach unten zu regulieren wäre es vielleicht sinnvoller, branchenspezifisch Förderprojekte aufzulegen, in denen Forschungskonsortien wissenschaftlich begleitet neue Kreislaufprozesse entwickeln – und diese Möglichkeiten dann breit zu kommunizieren. So ließe sich herausfinden, welche Ziele in welchem Bereich realistisch sind. Quasi als Gold-Standard, an dem sich dann auch die Zielsetzungen der Regulierung orientieren könnten. Was es unbedingt zu vermeiden gilt, sind bürokratische Monster, die kleineren Betrieben mit dünner Personaldecke das Leben schwer machen.

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